
Santiago. Mein Santiago. Ich kann kaum glauben, dass ich in dieser Stadt nur für 4 Monate gelebt habe, es kommt mir soviel länger vor. Jetzt wo ich der Stadt Auf Widersehen sagen musste, dachte ich mir, dass ich ihr auch noch einen Post widmen sollte. Denn Santiago ist mir erstaunlich stark ans Herz gewachsen. Vor allem in den ersten Wochen hätte ich das kaum geglaubt. Da war die Stadt für mich nur groß, dreckig und laut. Doch das hat sich mit der Zeit geändert, was an drei Dingen lag:

1. Barrio Brasil
Wir haben alle sehr lange überlegt, in welchem Teil Santiagos wir leben möchten. Uns wurde viel empfohlen und was wir die ganze Zeit gehört haben war, dass wir nach Providencia ziehen sollen, dem teuersten und „sichersten“ Teil Santiagos. Der war allerdings auch sehr weit von der Uni entfernt und die Zimmer die wir dort gesehen haben, waren alle klein, teuer und nicht sehr schön. Also habe ich mir Zimmer im Viertel in der Nähe unseres Airbnbs angeschaut und mich sofort verliebt. Das Haus war alt, im Barrio Brasil hat früher der Adel der Stadt gelebt, mein Zimmer war richtig schön und hell, und das Viertel hatte alles was ich wollte, eine Supermarkt, zwei Metrostationen in der Nähe und ganz viele Bars, denn dafür ist das Barrio Brasil bekannt. Im Nachhinein war es die beste Entscheidung die ich und auch die anderen treffen konnten. So konnten wir in weniger als 10 Minuten von einem von uns von der Leuphana zum anderen laufen, konnten immer zusammen einen Uber nehmen und wohnten in einem Viertel mit vielen Bars und Graffiti, dass ein sehr schönes Ambiente hatte. Es war zwar nicht ganz so sicher wie Providencia, aber als dann die Proteste angefangen haben, war es dann auf einmal bei uns doch ruhiger als dort. Jetzt kann ich auf jeden Fall sagen, dass das Barrio auf jeden Fall einer der Gründe war, weshalb ich mich in der Stadt so wohlgefühlt habe.

2. Freunde
Natürlich sind Freunde immer einer der Gründe wieso man sich an einem Ort wohlfühlt und so war es in Santiago auch. Dadurch das wir AustauschstudentInnen von der Leuphana uns von Anfang an so gut verstanden haben, hat das den Einstieg in das Leben in Chile sehr vereinfacht. Dadurch das wir so nah aneinander gewohnt haben, war es einfach sich ständig zu sehen und so haben wir in und außerhalb der Uni ständig etwas zusammen gemacht. Und als dann die Proteste angefangen haben, konnten wir immer noch zu Fuß zueinander laufen, haben Übernachtungsparties gemacht und sind zusammen auf Demonstrationen gegangen. Dabei hatte man dann immer jemanden bei sich, der das ganze ähnlich wahrnimmt wie man selber und so konnte man sich immer über seine Eindrücke austauschen, was sehr geholfen hat.

3. Die Proteste
Man könnte jetzt sehr gut denken, dass durch die ganze Situation in Chile und vor allem durch die ganzen Ausschreitungen im Land, die Polizeigewalt und Menschenrechtsverletzungen, man das Land so schnell wie möglich verlassen möchte. Es gab auch definitiv ein paar Situationen in denen wir uns gefragt haben, ob es nicht das Beste wäre zu gehen, aber eigentlich wollten wir immer bleiben und sind auch froh das wir es getan hatten. Dadurch das unser Viertel von den Ausschreitungen und Protesten größtenteils in Ruhe gelassen wurden, hatten wir dort eine Ruhepol in den ganzen Aufregungen zu dem wir uns immer zurück ziehen konnten, wenn uns alles zu viel wurde. Die Proteste fingen am 18. Oktober an. Also genau in der Mitte unseres Aufenthaltes. Ich hatte in meinem Auslandssemester etwa 5 Wochen Uni, und ab Mitte Oktober frei, da die Uni im Streik war, beziehungsweise immer noch sind. Aber diese Situation mitzuerleben, die Wut der Menschen auf ihre Regierung und die Polizei zu spüren und sich mit Chilenen darüber auszutauschen, was genau und wieso passiert, war eine Erfahrung durch die ich wesentlich mehr gelernt habe, wie in einem „normalen“ Auslandssemester. Deswegen bin ich auch nicht traurig darüber, dass mein Semester anders als der Plan verlaufen ist. Durch die Proteste und die Demonstrationen auf die wir auch gegangen sind, habe ich mich mit diesem Land und dieser Stadt viel verbundener gefühlt, als ich für möglich gehalten hätte. Ich habe das Gefühl, dass ich das Land und seine Leute jetzt viel besser verstehen kann, als ich es ohne die Proteste hätte können. Deswegen haben die Proteste auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich Santiago in mein Herz geschlossen habe.

Santiago ist keine besondere Großstadt. Sie hat einen Fluss, der einfach nur traurig zu betrachten ist und kaum Fluss genannt werden kann, sie hat Schwierigkeiten mit der Sauberkeit und mit Kriminalität und vor allem ein Smogproblem. Objektiv betrachtet, gibt es kaum Gründe diese Stadt zu mögen. Es gibt ein paar schöne Parks, aber man merkt dabei auch immer die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Für Touristen würde ich die Stadt niemals empfehlen, es gibt zwar ein paar Sachen zu sehen und sehr viele interessante Museen und Berge in der Umgebung, aber einen wirklichen Besuch ist sie kaum wert. Trotzdem werde ich die Stadt und ihre Atmosphäre vermissen. Werde es vermissen auf dem Plaza Dignidad zu demonstrieren und Tränengas in der Luft zu riechen, ich werde es vermissen zu meine Freundinnen zu laufen um zusammen zu kochen, bouldern zu gehen oder sich durch die vollen Straßen der Estacion Central zu schlängeln um zur Uni zu gelangen ohne dabei seine Tasche zu verlieren. Santiago ist eine sieben Millionen Stadt und das merkt man jeden Tag. Trotzdem hat sie ihre schönen Ecken und ich werde mich immer daran erinnern, dass ich dort vier Monate wohnen durfte.
